Quadratisch, praktisch, Materia


Daihatsu Materia: Quaderschmiede

Daihatsu Materia. Foto: Daihatsu

Dieses Auto finden alle auffallend auffallend!

Wahrscheinlich waren auch die Ingenieure und Testfahrer eckig, denn der Daihatsu Materia fällt durch seine kantige Form aus dem Rahmen, die wie aus Bauklötzen komponiert erscheint. Wo man früher als Daihatsu-Pilot für ein Fahrzeug mit Lego-Charme mitleidige Blicke erntete, steht mit diesem Fahrzeug dem Betrachter Überraschung und Wohlwollen ins Gesicht geschrieben. Wer im Verkehr anonym bleiben will, sollte dies Auto besser meiden. Mehr Blicke würde ich mit einem Ferrari auch nicht auf mich ziehen. Der Grund der quaderförmigen Erscheinung liegt in der bulligen Formgebung mit extrem kurzen Karosserieüberhängen, breiten Seitenschwellern und einer hoher Stummelschnauze. Gegen den knackigen Würfel sieht ein Mitbewerber wie der Opel Meriva wirklich altbacken aus.

In der Schule musste ich die Formel für den Rauminhalt eines Quaders pauken - und der Materia hat reichlich davon. Der Innenraum ist für einen Pkw, der mit der Verkehrsfläche eines Kleinwagens - Länge 3,8 Meter - auskommt, gigantisch. Ein Mini ist gerade 10 Zentimeter kürzer und im Vergleich innen von klaustrophobischer Enge. Das Raumgefühl im Materia lässt Kleinbusatmosphäre aufkommen. Auch die Kopffreiheit und der Fußraum für die Hinterbänkler sind erstaunlich, wobei die Sitzfläche doch etwas tiefer sein könnte, damit die Oberschenkel bei längeren Fahrten entspannt aufliegen können. Ich fühle mich wie der Lenker eines Geldtransporters, so behütet ist das Feeling, was auf die hohe Schulterlinie und schmale Seitenscheiben zurückzuführen ist. Das Sitzkonzept ist echt clever: Die Rücksitzbank lässt sich im Verhältnis 60 zu 40 umklappen und in Längsrichtung um 16 Zentimeter verschieben. Wenn man dann noch die Lehne des Beifahrersitzes komplett umlegt, steht dem einladen von bis zu 2,20 Meter langem Sperrgut nichts mehr im Wege. Im Innenraum erinnert nichts mehr an Daihatsu-Modelle der frühen Jahre, denn die Materialien, Haptik und Oberflächen machen einen guten Eindruck Die Blenden der Lautsprecher und des Radios betonen das gekonnt. Die Instrumentierung ist auf das Maximum reduziert: das wichtigste in einem Instrument, dazu ein paar verständliche, gut erreichbare und große Schalter. Hier haben die filigranen Asiaten auch einmal an ausgewachsene Kaukasier gedacht und dem Käufer eine Mäuseklaviatur erspart.

Mit dem langen Schalthebel - Erinnerungen an meinen ersten Käfer Baujahr 1971 werden wach - muss man wie einst im Krabbeltier nach den Gängen suchen. Die Kulisse ist nicht übermäßig gut geführt, die Schaltwege lang und dosierte Kraft kann nicht schaden. Nach kurzer Eingewöhnung kommt man flott durch die fünf Vorwärtsgänge, was auch gut ist, denn die City ist des Materias Heimat - nicht der Highway. Da kommt der Motor, dem Leistung vor Drehmoment geht und der ordentlich gedreht werden will, gut mit. Auf der Autobahn hingegen steigt das Geräuschniveau schon ab 100 Sachen merklich an, aber er ist keine Dröhnkiste. Obwohl Händler versichern, die Kunden orderten mehrheitlich Handschaltung, würde ich die 4-Stufen-Automatik bevorzugen.

Der Basismotor mit 91 PS ist ein bekannter aus dem Toyota-Regal. Mit größerem Hub bei gleicher Bohrung auf 1.495 Kubikzentimeter gebracht, gibt er im 1,5-Liter-Modell 103 PS ab. Alle Motoren sind schadstoffarm nach Euro 4. Wenn man nicht ein bisschen Anfahrgas gibt, kann man ihn schon einmal abwürgen, denn obwohl leistungsstark, erreicht das Drehmoment der Treibsätze im Drehzahlkeller keine Rekordwerte: 120, respektive 132 Newtonmeter bei immerhin 4.400 Umdrehungen pro Minute sind das Maximum. Auch als Allradler kann das Wägelchen geordert werden, wenn man aber nicht ständig durch naturgeschützte Dünen pflügen will, muss das nicht sein. Die Traktion ist ordentlich und die Federung filtert trotz kleiner 15-Zoll-Räder Straßenunebenheiten ordentlich weg. Die Tuningindustrie wird also bald größeres Räderwerk zu Hand haben - jede Wette. Pimp my Materia! Der Quader läßt sich auch leichtfüßig lenken: 9,80 Meter Wendekreis. Das eckige Design trägt außerdem zu einer guten Übersichtlichkeit des kleinen Kubus bei.  Zu scharf gefahren, neigt er zum Untersteuern. Nicht gut: In der Basisversion gibt es kein ESP.

Meine Bekannten finden ihn entweder total geil oder eben gewöhnungsbedürftig. Fazit: Der Quader polarisiert. Für die Einstiegsversion ohne ESP – wie unser Testwagen - verlangt der Händler 14.490 Euro. Der Schleuderschutz kostet 500 Euro und ist nur im 1,5-Liter-Modell zu haben, das dann mit 15.990 Euro zu Buche schlägt. Aber wer ihn geil findet, wird sein Geld nicht in den unwesentlich teureren, aber etwas größeren Meriva stecken. Denn: It´s hip to be square.